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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Bibliotheks- und Informations­wissen­schaft

Nachruf Prof. Dr. Walther Umstätter

Nach schwerer Krankheit starb im März 2019 Walther Umstätter. Er gehörte zu den leider wenigen Grenzgängern zwischen Bibliothek und Dokumentation, wie man die Informationspraxis in jenen Jahren nannte, als Umstätter seine berufliche Laufbahn begann. Entsprechend hat er sich die ungute Trennung von Bibliothekswissenschaft und Informationswissenschaft nie zu eigen gemacht.

Umstätter wurde 1941 in Rumänien geboren; seine Eltern gehörten zur deutschsprachigen Minderheit in der Industriestadt Ploiești. Er studierte an der Freien Universität Berlin und promovierte dort 1978 im Fach Biologie. Er war einer der ersten Onliner in Deutschland und baute ab 1975 an der Universitätsbibliothek Ulm die erste Online-Literaturvermittlung an einer deutschen Universitätsbibliothek auf. Mit seiner Kompetenz als promovierter Biologe unterstützte er die Wissenschaftler, insbesondere die Mediziner, indem er Datenbankrecherchen durchführte.

1982 wurde Umstätter zum Professor an die Fachhochschule für Bibliotheks- und Dokumentationswesen Köln berufen und lehrte dort bis 1994. (Diese Fachhochschule ging 1995 in die Fachhochschule Köln ein, die heutige Technische Hochschule Köln, an der bis heute Studiengänge mit Bezug zu Bibliothek und Informationspraxis bestehen.) An der Universität Köln war er Lehrbeauftragter im damals noch bestehenden Studiengang Bibliothekswissenschaft. 1994 erhielt Umstätter den Ruf an die Humboldt-Universität, wo es darum ging, das seit 1955 bestehende Institut für Bibliothekswissenschaft zu erneuern. Der Vorläufer dieses Instituts, der 1925 bis 1934 mit einem Honorarprofessor besetzte Lehrstuhl für Bibliothekswissenschaft, spielte nur noch als historischer Bezug eine Rolle. Die von Umstätter angestrebte Erneuerung fand enge Grenzen, weil eine nennenswerte Anzahl von Neuberufungen erst nach seiner Emeritierung 2006 erfolgen konnte, nachdem das Institut zunächst von ersatzloser Streichung bedroht war und dann dank einer erneuten Neuprofilierung gesicherte Ressourcen erkämpfen konnte.

Umstätter schrieb eine Reihe von Lehrbüchern, zuerst 1981 die Einführung in die Literaturdokumentation und Informationsvermittlung (Saur) zusammen mit Margarete Rehm, die damals Direktorin der Universitätsbibliothek Ulm war. Es folgte 1997 das Lehrbuch der Bibliotheksverwaltung (zs. mit seiner Kollegin Gisela Ewert, Hiersemann); es erschien 2011 in 2. Auflage unter dem Titel Lehrbuch des Bibliotheksmanagements. Der Titel der ersten Auflage war der Wunsch des Verlags, der mit dieser Titelformulierung an seinen gleichnamigen Titel aus den 1950er Jahren anknüpfen wollte. 2005 erschien die Einführung in die Katalogkunde (zs. mit Roland Wagner-Döbler, Hiersemann); der Untertitel Vom Zettelkasten zur Suchmaschine zeigt die Richtung an, die dieses Lehrbuch weist.

Seine insgesamt über 150 Publikationen, darunter etliche Monografien und Kongressschriften, dokumentieren ein sehr breites Interesse an allem, was mit Information und ihrer Bedeutung für die Gesellschaft zusammenhängt; das Spektrum der Themen, die Umstätter behandelte, reicht von Online-Literaturvermittlung bis zur Wissensorganisation, von digitalen Bibliotheken bis zum Selbstverständnis des Faches. Im Vorwort seines Semiotischen Thesaurus der Bibliothekswissenschaft formulierte er:

In jedem Fall ist die Bibliothekswissenschaft ein hochgradig interdisziplinärer, aber auch eigenständiger Wissenschaftsbereich, der mit den modernen multimedialen Möglichkeiten Lehre, Forschung und Kulturmanagement rationalisiert, in dem überflüssige Doppelarbeiten in der Wissenschaft verhindert, Anstrengungen zur geistigen Zusammenarbeit unterstützt, Begabte gefördert und die allgemeine Aufklärung der Bevölkerung erhöht wird, um den Übergang von der Industriegesellschaft zur Wissenschaftsgesellschaft evolutionär und nicht revolutionär gestalten zu helfen.

Umstätters Semiotischer Thesaurus, vordergründing eine Sammlung von Definitionen der Termini der Bibliotheks- und Informationswissenschaft, unterstellt eine Kohärenz des Faches und darüber hinaus der Welterkenntnis – Umstätter bezieht Begriffe wie Sein, Tiersprache oder Allegorie mit ein –, die nicht existiert.

Aus Anlass seines 65. Geburtstags widmete ihm sein Institut eine Festschrift (Vom Wandel der Wissensorganisation im Informationszeitalter. Hrsg. von P. Hauke u. K. Umlauf. Bad Honnef: Bock+Herchen 2006), die gleichzeitig als gedrucktes Buch und als E-Book nach OAI-Standards erschien.

Über Forschung und Lehre hinaus engagierte sich Umstätter vielfältig innerhalb und außerhalb der Universität. Er war viele Jahre lang Geschäftsführender Direktor des Instituts für Bibliothekswissenschaft an der Humboldt-Universität, dessen Umbenennung in Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft kurz vor seiner Emeritierung erfolgte, ferner etliche Jahre lang Mitglied im Fakultätsrat. Zu seinen Engagements außerhalb der Universität gehörten seine Vizepräsidentschaft der Gesellschaft für Wissenschaftsforschung, die Tagungen zur Szientometrie und Wissenschaftssoziologie durchführt, die Mitgliedschaften im Herausgebergremium der IWP (damals noch unter dem Titel Nachrichten für Dokumentation), in den Vorständen der DGI, des Deutschen Bibliotheksverbands und der deutschen Sektion der International Society for Knowledige Organization, ferner in zahlreichen Fachgremien und –beiräten, schließlich im Förderverein der Öffentlichen Bibliothek seines Wohnortes Altlandsberg bei Berlin.

Er war ein scharfsinniger und Präzision verlangender Doktorvater zahlreicher Promovenden, darunter Kandidaten aus China und Iran. Wer mit Walther Umstätter persönlich zu tun hatte, schätzte seine unkomplizierte Art und seine nüchterne Offenheit.

Prof. Dr. Konrad Umlauf, 24. März 2019