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BiblioCon 2026 in Berlin – „Analog trifft Algorithmus“: Sind Bibliotheksangestellte die Helden der Demokratie?

Ein Bericht über die persönlichen Erfahrungen auf der BiblioCon 2026 unserer Communicatorin Patricia Rocha Dias.



Zum 114. Mal findet der größte Bibliothekskongress im deutschsprachigen Raum, die BiblioCon, vom 19. bis zum 22. Mai 2026 statt. Im Estrel Congress Center Berlin treffen unter dem Motto „Analog trifft Algorithmus“ Menschen aus der Bibliotheks- und Informationslandschaft aufeinander, um sich nicht nur fachlich auszutauschen, sondern – so scheint es – sich auch demokratisch zu solidarisieren. Dabei sollen laut den Veranstaltern – dem VDB (Verein Deutscher Bibliothekarinnen und Bibliothekare) und dem Berufsverband Information Bibliothek e. V. (BIB) – auf der BiblioCon 2026 „innovative Ansätze zwischen traditioneller Bibliotheksarbeit und der digitalen Transformation beleuchtet“ werden.

Eröffnungsfeier der BiblioCon: Die Rolle der Bibliotheken

Am Dienstag spricht die Vorsitzende des VDB, Anke Berghaus-Sprengel, in hohen Tönen von der BiblioCon. Diese sei ein Bibliothekskongress, der mit der Zeit immer größere Dimensionen angenommen habe – die Rede ist von über 145 Ausstellern. Es gehe um weitaus mehr als bloß eine Fortbildungsveranstaltung, sondern um einen Austausch, gerade jetzt, da Bibliotheken ihre Resilienz in Krisensituationen unter Beweis stellen müssen. Darüber hinaus stehen Themen wie künstliche Intelligenz, Datensouveränität und Wissenschaft auf der Agenda dieser Woche. In einem Grußwort der Staatssekretärin der Berliner Kulturverwaltung, Cerstin Richter-Kotowski, beschreibt sie die Bibliothek als einen Ort, der weit über Bücherregale hinausgehe. Bibliotheken stärken die Meinungsfreiheit sowie die gesellschaftliche Verantwortung; sie sind niedrigschwellig, unabhängig und bewahren Intelligenz auf.

Eröffnungsfeier der BiblioCon: „KI – nervt oder geht noch?“

Schließlich erfolgt eine Festrede von Aljoscha Burchardt, Principal Researcher, Research Fellow und stellvertretender Standortleiter des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Berlin. Er stellt die Frage aller Fragen an diesem Abend: „KI – nervt oder geht noch?“ Immer wieder ertönen während und nach seinen Erläuterungen Lachsalven, die sich durch den riesigen Raum A und über die Bühne mit den sternenbesetzten Lichtern am Vorhang ausbreiten. Burchardt führt an, dass KI längst in unserem Alltag angekommen sei. Unter anderem nennt er Beispiele wie das Navi im Auto, Suchmaschinen und die Rechtschreibkorrektur. Zwischen den Reden folgt immer wieder eine musikalische Untermalung durch die Band Guinevere. Die drei Musikerinnen geben zu, große Bibliotheksfans zu sein und sich dort gerne Instrumente auszuleihen.

Veranstaltungen der BiblioCon: „BIB-First Timer“

Die BiblioCon erinnere an eine Mini-Frankfurter-Buchmesse – bloß für Menschen explizit aus der Bibliotheks- und Informationslandschaft: Weitläufige Räume mit unterschiedlichen Ausstellungen, Tagungsräume, Bühnen und immer wieder Stände verschiedener Firmen.

Am Dienstag erhält man in der öffentlichen Arbeitssitzung hilfreiche Tipps beim „BIB-First-Timer-Treffen“. So kann man die BiblioCon-App herunterladen, um sich präferierte Veranstaltungen abzuspeichern, die unterschiedlichen Sitzungsarten, den Lageplan und die Referent*innen anzeigen zu lassen.

Veranstaltung der BiblioCon: „Brauchen wir neue Standards für Schulbibliotheken? Über Sinn und Nutzen von Standards für die schulbibliothekarische Arbeit“

Im Hands-on Lab am Mittwoch können Teilnehmende von Tisch zu Tisch gehen und sich in schnellen Impulsen thematisch auseinandersetzen. In unterschiedlichen Gruppen wird über Bibliothekspädagogik, Kooperationen, Bestände, Finanzen und Raumgestaltung diskutiert. Kritisiert wird beispielsweise, dass Bibliotheksangestellte kaum die Möglichkeit haben, in Schulbibliotheken zu arbeiten, da die Gelder nicht vergeben werden.

Veranstaltung der BiblioCon: „Wie Bibliotheken undemokratischen Einflüssen begegnen – Handlungsoptionen für Beschäftigte“

In einer Podiumsdiskussion am Mittwoch scheint der Raum A proppenvoll zu sein. Ute Engelkenmeier (BIB) bemerkt in ihrer Anmoderation, der volle Veranstaltungsraum zeige, wie wichtig dieses Thema sei. Auf dem Podium sprechen die Fachreferentinnen über Beamt*innen im öffentlichen Dienst, die zur Verfassungstreue verpflichtet sind, sowie über die Folgepflicht, die der freiheitlichen demokratischen Grundordnung dienen soll. Immer wieder tauchen Fallbeispiele auf – auch aus dem Publikum –, wie Bibliotheksangestellte sich gegen undemokratische Einflüsse gewehrt haben. Als Fazit gilt: Man müsse sich auf das Worst-Case-Szenario vorbereiten und immer eine „Lösung in der Schublade“ parat haben.

Handlungsempfehlungen:

  • Gremien beitreten
  • Straftaten in Melderegistern melden
  • Austauschräume schaffen und gegen Einsamkeit vorgehen, um Echokammern aufzubrechen
  • Schutzmaßnahmenpläne für Bibliotheksangestellte erstellen
  • Sich mit dem DBV-Leitfaden Krisenkommunikation in Bibliotheken vertraut machen

Diese Podiumsdiskussion war keine Einbahnstraße: Immer wieder gingen Teilnehmende aus dem Publikum zu den Mikrofonen, die zwischen den Sitzreihen bereitstanden. Viele teilten ihre Geschichten, sprachen von zivilem Ungehorsam, Solidarität und Hoffnung. Solche Redebeiträge wurden immer wieder mit tosendem Applaus bedacht.

BiblioCon: Bücherbusse, Hängematten und Makerspaces

Draußen im Innenhof bot sich ein kleines idyllisches Bücherparadies: Bücherbusse, Makerspaces, Hängematten und Bücherregale.

BiblioCon 2026 Bücherbus
Foto: Patricia Rocha Dias

BiblioCon 2026: Abschlussveranstaltung mit Poster-Gewinnern, BiblioCon 2027 in Nürnberg und Doku „The Librarians“

Am Freitag neigt sich die BiblioCon dem Ende zu. Ute Engelkenmeier (BIB) moderiert die Abschlussveranstaltung und zieht ein Fazit:

  • 121.060 Schritte, die eine Teilnehmerin gelaufen ist,
  • 573 Präsentationen – 8 Gigabyte – die eingereicht wurden,
  • die längste Schlange, die am Estrel Congress Center jemals gesichtet wurde,
  • und last but not least ein Rekord von 4.508 Teilnehmenden

Im Anschluss wurden die besten drei Poster der Firmenausstellung prämiert, die am Tag zuvor in der Convention Hall II bestaunt werden konnten. Platz 3 belegt Irene Prähauser mit „Ökologische Nachhaltigkeit in Bibliotheken. In welchen Bereichen kann ich aktiv werden?“ Dann folgt auf Platz 2: „Diamon-Open-Access-Zeitschriften in Brasilien: Ergebnisse einer Befragung von Herausgeber:innen“ (Rômulo Lima). Die Gewinnerin auf Platz 1 Sigrid Kamenz erhielt durch ihr Poster „Wir. Klären. Herkunft. NS-Provenienzforschung hinter dem Kasernentor“ ein Ticket für die nächste BiblioCon 2027.

BiblioCon 2026 Poster Platz 1
Foto: Patricia Rocha Dias

Im kommenden Jahr findet diese in Nürnberg statt. Mit der Doku The Librarians (USA, 2025) und in Kooperation mit filmfriend werden die Teilnehmenden der BiblioCon zum Abschluss vor die Kinoleinwand gesetzt. Was bedeutet es für Bibliothekar*innen, sich gegen Bücherverbote in den USA zu wehren? Und was bedeutet das für uns in Deutschland? Immer wieder wird gezeigt, wie Bibliotheksangestellte angefeindet, rufgeschädigt, gekündigt und mit Waffengewalt bedroht werden. Auf inspirierende und zugleich sensible Weise entsteht ein mutiges Bild von Bibliotheksangestellten: Menschen, die ihre Stimme für marginalisierte Gruppen erheben und für ihre demokratischen Werte kämpfen. Besonders im Fokus stehen Bücher zu Themen wie Sexualerziehung, LGBTQI+ und Rassismus. Genau solche Bücher sollen aus Schulbibliotheken in Texas, Louisiana und Florida entfernt werden. Als die heiße Mittagssonne über uns steht, werden langsam die Stände abgebaut und Aufsteller der BiblioCon 2026 landen im Müll. Zurück bleiben viele Eindrücke: demokratisches Handeln, Bücherverbote und Bibliotheksangestellte, die für ihre Rechte und für die Rechte derjenigen kämpfen, die es selbst nicht können. Zum guten Schluss ein freundliches Dankeschön an die Sponsoren der BiblioCon-Tickets: die Landesverbände Berlin und Brandenburg im Deutschen Bibliotheksverband (LV BB im dbv).

Von Patricia Rocha Dias